Israel und Palestina, Anti-Semitismus und die Deutschen

Israel PalästinaDie aktuellen Entwicklungen rund um den Gaza Steifen haben die Emotionen rund um entsprechende Demos hoch kochen lassen und in Social Media-Diensten zu vielen Diskussionen geführt.

Zeit für ein paar grundsätzliche Betrachtungen und Überlegungen über die tagesaktuelle Erregung hinaus.

Zunächst ein paar Definitionen:

„Die Israelis“ sind die BürgerInnen des Staates Israels – Juden, Christen, Moslems, Atheisten und viele andere.

„Die Juden“ sind der Oberbegriff für eine Gruppe von Religionsgemeinschaften, die in sich so vielfältig und gegensätzlich ist wie „die Christen“ (man denke nur zum Beispiel an Protestanten und Katholiken in Nord-Irland, die sich lieber umbringen, als sich die Hand zu geben). Juden leben auf der ganzen Welt und sind BürgerInnen vieler Staaten und verschiedenster ethnischer Herkunft.

Exkurs: Etwas komplexer als bei den Christen ist die Situation dadurch, das nach den herkömmlichen jüdischen Tradition Abstammung und Glaube verknüpft sind: Kinder einer jüdischen Frau sind (nach der Religion) automatisch Juden, egal an was oder wen sie glauben.

„Der Staat Israel“ ist eine Organisation, deren Spitze von der Mehrheit (Teilmenge) der Wähler (Teilmenge) der Wahlberechtigten (Teilmenge) der BürgerInnen Israels (siehe oben) gewählt wird.

„Zionismus“ bezeichnet eine politische Ideologie und die damit verbundene Bewegung, die auf Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina abzielen. Die unterschiedlichen Ausrichtungen und Strömungen prägen bis zur Gegenwart die wesentlichen politischen Parteien und Koalitionen Israels. Der Zionismus versucht religiöse und nationalistische Ziele und Ideale zu vermengen. Damit ist er in etwas mit den christlich-rechts-konservativen Teilen der CDU zu vergleichen und vom Einfluss etwa so dominant wie diese Kreise in den 50er Jahren in Deutschland.

„Davidstern“ ist ein religiöses Symbol der Juden, das im Mittelalter (vor allem in Europa) geprägt wurde. Auf Betreiben der Zionisten wurde es in die Staatsflagge Israels aufgenommen – was in etwa vergleichbar wäre mit einem Kreuz in der Flagge Deutschlands.

„Antisemitismus“ bezeichnet „Formen pauschaler Judenfeindlichkeit, deren Vertreter Juden mit lange überlieferten und eingeübten Klischees und Stereotypen als übermäßig einflussreiches Kollektiv betrachten, für alle möglichen negativen Zeiterscheinungen verantwortlich machen und so bedrohen.“ (Zitat: Wikipedia)

„Diese Vorurteilsstruktur zeigt sich auch dort, wo keine Juden leben oder man keine kennt. Jean-Paul Sartre beurteilte in seinen Überlegungen zur Judenfrage (1994), dass man nicht durch Erfahrungen zum Antisemiten werde, sondern durch ein psychologisches Bedürfnis zu solch einem Ressentiment. Er stellte die These auf: „Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“. Dieses chimärische Judenbild ist durch Hinweise auf Fakten kaum korrigierbar und immunisiert sich gegen Korrektive von außen: ein Merkmal aller klassischen Verschwörungstheorien.“ (Zitat: Wikipedia)

Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen latentem Antisemitismus und aktivem Antisemitismus. Latenter Antisemitismus ist das Vorhandensein entsprechender Vorurteile und Einstellungen, während aktive Antisemitismus die aktive Hetze gegen Juden beschreibt.

Antisemitismus gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten, allen Berufen und allen Parteien und politischen Gruppen. Hitler und die Nazis haben den Antisemitismus nicht erfunden (entsprechende Strömungen gab es deutlich früher), aber sie haben diese Ideologie und entsprechende Vorurteile sehr erfolgreich in der deutschen Bevölkerung verankert. Seither werden entsprechende Vorurteile (z.T. absichtlich, aber vor allem unabsichtlich/unbewußt) über die Generationen und die Medien weitergegeben. Nachdem es lange Zeit danach aussah, als ob sich die antisemitische Strömungen abschwächen, gab es (besonders) in den letzten Wirtschafts-Krisen jedoch immer wieder heftige Rückfälle (Sündenbock-Funktion des Antisemitismus).

Insbesondere gibt es keine politischen Richtungen, die vor Antisemitismus gefeit sind. Nur weil jemand besonders Links oder besonders aktiv gegen Nazis ist, ist das – an sich – keine Garantie dafür, nicht doch mit Antisemitismus infiziert zu sein. Denn Rechtsextreme und Nazis benutzen den Antisemitismus nur – er ist kein notwendiger Teil ihrer Ideologie. Sie brauchen nur irgendwelche Sündenböcke. Das es auch anders geht, zeigen die PI-ler und die sog. „Pro“-Bewegung, die ersatzweise gegen den Islam hetzen.

Behauptungen von Leuten, die sich auf ihr Linkes- / Antifa- Engagement berufen, zeugen folglich entweder von mangelnder Auseinandersetzung mit dem Thema oder sind nur Schutzbehauptungen.

Überhaupt ist die Unterscheidung zwischen Dummheit und Absicht eines der größten Probleme beim Kampf gegen den Antisemitismus. Oft ist es nur schwer möglich, zu unterscheiden, ob jemand (im Eifer der Diskussion / Kontroverse) seinen latenten Anti-Semitismus herausgelassen hat, oder ob jemand gezielt Anti-Semitismus verbreitet.

Da jedoch von Menschen mit ernsthaftem „linkem“ / aufklärerischem / liberalem politischem Anspruch verlangt werden kann, dass sie sich mit dem Thema tiefer beschäftigen, wollen wir hier noch tiefer in die Diskussion einsteigen.

In linken Kreisen kommt Antisemitismus vor allem in zwei Kontexten vor: In der Diskussion des israelisch-palestinensischen Konfliktes und in anti-kapitalistischen Debatten. Letzteres sei hier zunächst ausgeblendet (ist aber vielleicht einen eigenen Artikel wert).

Zunächst: Kritik an der Politik des Staates Israel ist berechtigt, erlaubt, notwendig und wichtig. Und: Kein Antisemitismus. Aber: Durch die Formulierung und / oder eine Unausgewogenheit der Kritik kann auch Kritik an der der Politik Israels antisemitisch werden / (sich aus-)wirken.

1.) Formulierung

Im Zeitalter der Massenmedien hat die sprachliche Präzision erheblich gelitten. Das verzweifelte Bemühen der (unterbezahlten und miserabel ausgebildeten Journalisten) führt zu einer Tendenz der Vereinfachung, die an Hetze grenzt (nein, ich rede hier nicht vom Hetz-Blatt, sondern von den Medien, die sich selbst gern zu Qualitäts-Wächtern stilisieren).

Beispiel: Gern und oft ist verallgemeinernd von „den Amerikanern“ die Rede, wenn es um die Politik der US-Regierung geht. Amerikaner sind jedoch auch die Mexikaner, die Peruaner, die Brasilianer und die Kanadier.

Die Politik des Staates Israel (eine sperrige Formulierung, zugegeben) jedoch mit „die Juden“ / „jüdisch“ abzukürzen unterstützt (beabsichtigt oder nicht) die Hetze der Antisemiten.

Solch feine Unterscheidungen mögen für Rechtsradikale / Nazis zu komplex sein, aber Menschen, die linke / liberale Politik machen wollen, sollte das zumutbar sein.

2.) Ausgewogenheit

a) Auch wenn die Folgen der israelischen Politik für viele Palästinenser furchtbar sind: Es gibt viele Regionen in der Welt, in der Welt, in der ähnlich furchtbare Konflikte ausgetragen werden. Wer (als Außenstehender) ausschließlich das Leiden der Palästinenser in den schlimmsten Farben darstellt, muss sich zumindest die Frage gefallen lassen, warum er / sie ausgerechnet diesen Konflikt zu seinem Schwerpunkt macht und ob sie / er nicht damit (unabsichtlich) die vorhandenen antisemitischen Tendenzen verstärkt. Auf diese Frage gibt es gute und schlechte Antworten, die Frage selbst ist aber sehr berechtigt.

Hass säht auch, wer das Handeln einer der beiden Seiten als „Genozid“ bezeichnet. Angesichts der Opfer, die ethnische Konflikte anderswo auf der Welt ständig fordern, ist diese Begriff entweder überall anzuwenden oder eine Übertreibung.

b) Auf beiden Seiten des Nahost-Konfliktes gibt es Extremisten, die nicht an einem Frieden (und dem besten ihrer Landsleute) interessiert sind, sondern an der völligen Vernichtung des Gegners. Auf beiden Seiten gibt es auch viele Menschen, die ernsthaft an einem Frieden und einer gerechten Lösung interessiert sind und (in ihrem Rahmen) einen Beitrag dazu leisten.

Wer nun pauschal „die Israelis“ anklagt, nährt deshalb nicht nur die Vermutung, dass hier antisemitische Gründe vorliegen, sondern zeigt auch, dass er kein wirkliches Interesse an einem Friedensprozess hat, sondern den Konflikt nur zu seiner politischen Profilierung nutzt.

Wer jedoch pauschal von „den Palästinensern“ spricht, macht sich genauso des Rassismus verdächtig und zeigt auch, dass er kein wirkliches Interesse an einem Friedensprozess hat, sondern den Konflikt nur zu seiner politischen Profilierung nutzt.

3.) Verharmlosung des Holocausts

Die Verharmlosung / Relativierung des Holocausts ist ein gezieltes Kampfmittel von Nazis und Antisemiten, um ihre Vergangenheit reinzuwaschen und ihren eigenen Hass normaler erscheinen zu lassen.

Zur Relativierung gehört auch, Taten gegen Palästinenser mit denen der Nazis gegen die Juden zu vergleichen. Das wird von diesen Kreisen strategisch betrieben. Wer auch solche Bilder bemüht, unterstützt (ob gewollt oder nicht) den Antisemitismus und die Nazis gleich auch noch mit.

Von Linken und gebildeten Menschen kann man erwarten, dass sie andere, passendere Vergleiche wählen. Wer es dennoch tut, kann zu Recht des Antisemitismus beschuldigt werden.

4.) Mut & Rückgrat

Bei Aktivitäten für Frieden und Gerechtigkeit für die Palestinenser trifft man (leider) immer wieder auch Antisemiten und radikale Hetzer. Dann sollte man den Mut und das Rückgrat haben, ihnen zu widersprechen und selbst Stellung gegen Antisemitismus beziehen oder Klarstellungen einzufordern – im persönlichen Gespräch genauso wie in der Öffentlichkeit. Wer aus falscher Solidarität jedoch den Mund hält oder Antisemiten und unbewussten Antisemitismus sogar noch verteidigt, der ist nicht besser als jene Deutschen, die die Nazis einfach machen ließen.

Nur wer sich den Konflikten mit Antisemiten stellt, kann in einer Bewegung mitmachen, in der sich die Grenzen zwischen Rechts und Links, Antisemitismus und Humanismus schon mal verwischen können.

Mut und Rückgrat sind auch notwendig, wenn man mal über das Ziel hinausgeschossen ist und dumme Dinge gesagt hat, ohne ausreichend darüber nachgedacht zu haben oder wenn verborgene Vorurteile zum Vorschein gekommen sind (denn die Nazis waren, wie ich Eingangs feststellte, sehr erfolgreich darin, Antisemitismus zu sähen). Dann ist es notwendig und wichtig, sich sofort und schnell zu Entschuldigen und die Dinge richtig zu stellen. Egal, ob es im persönlichen Gespräch oder in einer öffentlichen Debatte war – denn der Schaden ist angerichtet, die Saat des Hasses weiterverbreitet worden – selbst wenn man es nicht so gemeint hat. Es ist dann wichtig, alles Mögliche zu tun, um ihn zu minimieren. Schweigen, Aussitzen oder sogar Rechtfertigen ist das Schlimmste.

5.) Sorgfältige Wahl von Bildern und Karikaturen

a) Der Davidstern wird gern in Karikaturen und auf Schildern verwendet, wenn es um den Nah-Ost-Konflikt geht. Wie jedoch oben dargestellt, ist der Davidstern ein Symbol der Juden und nicht des Staates Israel. Wer ihn verwendet, um die Politik des Staates Israel zu kritisieren, greift die Religionsgemeinschaft der Juden an und unterstützt so den Antisemitismus.

b) Die Verwendung einer Nahost-Landkarte ohne Israel richtet sich rein formal betrachtet gegen den Staat Israel, nicht gegen die Juden.

Jedoch ist das Land Israel nach dem zweiten Weltkrieg zur Heimat der meisten deutschen Juden geworden, die den Holocaust überlebt hatten. Von ihnen und ihren Nachfahren muss eine solche Darstellung wie eine geplante Fortsetzung der Nazi-Taten empfunden werden.

Das das so gewollt ist, kann nicht ausgeschlossen werden. Deshalb sollten linke und intelligente Menschen um solche Landkarten eine Bogen machen. Abgesehen davon sind solchen Drohungen für den Friedensprozess absolut schädlich – wer sowas trägt, macht sich gemein mit den Extremisten einer Seite.

Man stelle sich nur mal vor, welche Aufregung es hier auslösen würde, wenn halbwegs seriöse US-Politiker (also nicht Sarah Palin) mit einer Landkarte herumliefen, auf der Frankreich, Italien, Polen und Dänemark direkt aneinander grenzen würden – das würde heftige emotionale und irrationale Reaktionen bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung hervorrufen.

Soweit inhaltlich zur Abgrenzung von Antisemitismus und politischer Kritik. Ich hoffe, ich habe meine Ansichten klar dargelegt und bin an einer sachlich-inhaltlichen Auseinandersetzung (auch zu einzelnen Punkten) durchaus interessiert. Klar antisemitische Kommentare werde ich jedoch einfach löschen.

Ich persönlich sehen nur eine Chance, diesen Konflikt zu lösen, wenn möglichst viele Israelis und Palästinenser sich gemeinsam gegen ihre selbsternannten Regierungen stellen und gemeinsam für eine Verständigung ohne Gewalt arbeiten. Dazu gehört Solidarität mit der jeweils anderen Seite. Beispiele gibt es hierfür genug. Diese werde ich gerne unterstützen.

Wer nicht kapiert hat, dass auch Russland ein beschissener kapitalistischer Staat ist, der die Kapitalisten  dabei unterstützt, die Proletarier des Landes bis aufs Blut auszubeuten und Herr Putin (genau wie Merkel und Obama) eine Marionette des (russischen) Kapitals ist, der sollte seine politische Bildung vielleicht noch mal mit dem kommunistischen Manifest neu beginnen und sich von dort vorarbeiten.

Jeder Nationalismus ist ein Werkzeug des Kapitals!

Wenn ihr auf dem Laufenden bleiben wollt, dann abonniert doch unseren Newsletter.

 

Oder folge uns auf Twitter unter @direkteaktion.

Auf identi.ca findest du uns auch unter @direkteaktion.

 

3 Gedanken zu “Israel und Palestina, Anti-Semitismus und die Deutschen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s