Monat: März 2011

2011: Ende der Autokratien?

Tolles Jahr: 3 Monate, drei Autokraten gestürzt:
Ben Ali
Mubarak
Mappus

Spiegel online, Rubrik SPAM, hat übrigens ein paar Betroffenen nette Zitate in den Mund gelegt (Klick auf die verkleinerten Bilder für das Original)

Waren die Wahlen nur ein Protokollfehler?
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66170-3.html

Der neue SPD Hass auf die Atomenergie
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66170-6.html

Westerwelles Abzugspläne
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66170-7.html

Liberale denken um
FDP will alle Alt-AKW abschalten
http://www.spiegel.de/spam/

Wahlempfehlung zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 27.März

https://i2.wp.com/i.imgur.com/38GhP.pngAm 27. März 2011 ist  Landtagswahl in Baden-Württemberg.

In einem anderen Artikel haben wir bereits erklärt, warum wir es für sehr wichtig halten, bei der Landtagswahl in Sachsen Anhalt am 20. März 2011 wählen zu gehen.

In Baden-Württemberg regiert seit 40 Jahren die CDU. Das sie am Ende ist, ist bekannt. Doch seit den Skandalen um Stuttgart 21, ENBW und die CDU Atompolitik ist klar: Das Schlimmste was Baden-Würtemberg passieren kann, sind vier weitere Jahre CDU.

Deshalb ist das wichtigste, am 27. März die derzeitige Landesregierung abzuwählen. Da die aktuellen Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU & FDP und SPD & Grüne vorhersagen und weder für die Linke noch für die Piraten ein Einzug in den Landtag sicher ist, kann es passieren, das Stimmen, die  für diese beiden Parteien abgegeben werden, später für einen Regierungswechsel in Stuttgart fehlen.

Auch wenn ich verstehen kann, das manche Menschen nicht oder nur unter Schmerzen für Grüne oder SPD stimmen können – ich bitte alle, die sich das vorstellen können, genau dieses zu tun!

Und ich bitte darum, diejenigen, die sich dazu trotzdem nicht überwinden können, mit Respekt und Anstand zu behandeln. Sie sind nicht Schuld, falls es nicht klappen sollte, sondern immer noch die 30+x % der WählerInnen (vor allem in den Dörfern und auf den Bauernhöfen), die lieber ins Verderben gehen, als etwas anderes als CDU zu wählen.

Keiner behauptet dabei, das  SPD und Grüne eine Traum-Regierung wären und alles richtig machen werden. Ob Stuttgart 21 ohne Milliarden-Kosten für das Land noch zu stoppen ist, ist fraglich. DAs ENBW Desaster ist angerichtet und wird tiefe Löcher in den Haushalt reißen. Das wird kein Vergnügen für eine neue Landesregierung.

SPD oder Grüne ?

Stuttgart 21: Die SPD war immer für Stuttgart 21 und auch wenn sie jetzt für eine Volksabstimmung sind, sind sie davon nicht abgewichen.

Atomkraft: Die Pro-Atomkraft Fraktion in der SPD hat mit ihrer Haltung die Laufzeit-Verlängerung erst möglich gemacht, indem sie im Atomausstiegsgesetzt von Rot-Grün Regeln verhinderte, die eine Aufweichung verhinderten hätten (die von den Grünen angestrebt wurden).

Daher empfehlen wir, bei der Landtagswahl in Baden-Würtemberg am 27. März für die Grünen zu stimmen.

Gutfried tritt vom Schweinefleisch zurück

Der Gutfried Konzern ist angesichts massiver Verbraucherproteste eingeknickt und wird zukünfitig seine „Puten Cervelatwurst“ nicht mehr mit 50% SChweinefleisch panschen.

Gutfrieds Geflügelschwein hat fast 10.000 Verbraucher auf den Plan gerufen. So viele beschwerten sich über die E-Mail-Aktion auf abgespeist.de beim  „Geflügelwurst-Spezialisten Nummer Eins“ (Gutfried über Gutfried) über dessen angebliche „Puten Cervelatwurst“. Die bestand etwa zur Hälfte aus Schweinefleisch – was freilich nur im Kleingedruckten auf der Rückseite zu erkennen war, während es die Pute  gleich doppelt und dreifach und in großen Buchstaben auf die Vorderseite der Verpackung geschafft hatte.

Im Dezember 2010 erst hatte foodwatch diese Mogelpackung kritisiert (Direkte Aktion hat dabei aktiv unterstützt). Und schon hat Gutfried reagiert und im wahrsten Sinne des Wortes die Sau rausgelassen: Die Putenwurst kommt jetzt ohne Schweinefleisch daher.

Die Rezepturänderung versucht das Unternehmen als Ergebnis des „direkten Drahts“ zum Kunden zu verkaufen. „Verbraucher schätzen wechselseitige Information und Austausch“ behauptet der „Geflügelwurst-Spezialist“ in sinnfreiem PR-Sprech. So kann man sich auch massive Verbraucherproteste schön reden.

Klar ist: Ohne die vielen tausend Beschwerdemails wäre das Schwein im Federkleid wahrscheinlich noch eine Weile durch die Supermarkt-Regale stolziert. Die erste Reaktion des Herstellers klang nämlich noch ganz anders: Auf das Schweinefleisch „möchten und können wir aus geschmacklichen und optischen Gründen“ nicht verzichten, richtete Gutfried damals aus. Das scheint sich nach den vielen tausend Beschwerdemails plötzlich geändert zu haben. So ein Zufall. Oder anders formuliert: Schwein gehabt!

Auch wenn die neue, angeblich „verfeinerte“ Rezeptur (neuerdings sorgen 16 Gramm „Pflanzenfett“  für ein bisschen Wurst-Feeling) nichts über die Qualität der nunmehr schweinelosen Wurst aussagt: Das Beispiel Gutfried zeigt, dass die Lebensmittelindustrie massive Verbraucherproteste gegen ihre legalen Betrügereien nicht ignorieren kann.

Siehe auch: Weitere Artikel in der Kategorie „Lebensmittel„, zum Beispiel:

Wiederholungstäter Zott: Monte Drink bleibt Zuckerbombe

Beschweren Sie sich über die Kinderwurst Ferdi Fuchs, die Salzbombe mit Gesundheits-Werbung

Kein Dioxin auf unsere Teller!

Gentechnik: Wir haben es satt!

McDonald’s Hamburger mit Gentechnik

Nutella Boykott – eine Zwischenbetrachtung

Die Wahrheit darüber, wie Angela Merkel den Minister zu Guttenberg endlich los wurde

Die offizielle Geschichte des Plagiat-Skandals ist hinreichend bekannt. Vertraute mit den internen Vorgängen der CDU stellen sie jedoch in einen Kontext, der überraschender nicht sein könnte:

Roland_Koch_2Ihnen zufolge begann alles damit, das Roland Koch irgendwann im Jahr 2010 den Plan fasste, seine Erzfeindin Angela Merkel loszuwerden. Schließlich hatte sie ihm die Kanzlerschaft gestohlen, die ihm eigentlich zustand.

Der Plan bestand aus drei Phasen: Erstens musste er sich als Konkurrent der Kanzlerin aus der Schusslinie bringen. Der erledigte er, in dem er sich einen Job in der Wirtschaft besorgte (sowieso weniger anstrengend und besser als bezahlt als der Ministerpräsidenten-Job).

450px-Guttenberg-800Zweitens musste er einen Putsch gegen die Kanzlerin initiieren, ohne das er damit in Verbindung gebracht wurde. Dazu hatte er den beim Volk beliebten und hemmungslos ehrgeizigen CSU Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg ausersehen. Als es im Herbst um die Kanzlerin gerade besonders schlecht bestellt war und der unselige Koalitionspartner FDP nur Scherereien machte, ließ er zu Guttenberg durch befreundete konservative Journalisten (siehe Artikel in der FAZ) zum zukünftigen Kanzlerkandidaten der CDU hoch schreiben.

Er wusste: Der eitle zu Guttenberg würde – wenn es mal wieder schlecht um die Umfragewerte der CDU und der Kanzlerin bestellt war – so geschmeichelt mit einer Kampfkandidatur zum Dolchstoß gegen die Kanzlerin ausholen. Kein Zweifel.

Drittens würde er zu Guttenberg zu Fall bringen (er wusste ja von der Sache mit der Doktorarbeit) und sich von seinen Freunden bei der BILD und in der CDU – als Retter aus der Wirtschaft zurückrufen lassen.

Mit seinen alten Kumpel & Förderer Kai Diekmann (Bild-Chefredakteur) hatte er abgesprochen, das die BILD zu Guttenberg erst massiv unterstützen, dann – angesichts der schlimmen Plagiats-Vorwürfe – fallen lassen würde.

Angela_Merkel
Doch wieder einmal hatte Roland Koch die Gerissenheit der Angela Merkel unterschätzt. Mit ein paar geschickten Reden belebte sie ihre Popularität in der CDU. Und nicht nur Roland Koch hatte ein Spitzelnetzwerk in der CDU und führte geheime Akten über seine Parteifreunde. Auch die Kanzlerin wusste längst über die zusammenkopierte Doktorarbeit des Adligen Bescheid.

Natürlich durfte die Kanzlerin den Skandal nicht selbst öffentlich machen und auf keinen Fall damit in Verbindung gebracht werden. Es gelang ihren Verbündeten – über Umwege – den eher linken Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano zu einer „Routineprüfung“ der Arbeit zu bewegen. Als dieser prompt die ersten geklauten Stellen entdeckte, ging er damit natürlich erwartungsgemäß sofort an die Öffentlichkeit.

Dank Internet musste der Professor nicht noch einmal aktiviert werden. Denn schnell unterstützen freiwillige Helfer aus ganz Deutschland Merkel dabei, den ganzen Umfang des Betrugs aufzudecken.

Und während Merkel sich bedingungslos hinter zu Guttenberg stellte, wie es besonders die erzkonservativen Kreise der CDU von ihr erwarteten, machten konservative Presse und Opposition die Arbeit für sie.

Und Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich selbst mit seinem scheibchenweisen Rückzug in eine unhaltbare Position brachte.

Absolut genial war ihre Äußerung, sie habe schließlich einen Verteidigungsminister eingestellt, keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Die BILD Leser mussten dazu nicken, die gebildete Menschen jedoch wurden dadurch erst Recht gegen zu Guttenberg aufgebracht. Und gleichzeitig wurden die Machtverhältnisse zurecht gerückt: Sie war die Chefin, die ihm seinen Job gegeben hatte, er würde immer der „nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter“ bleiben, selbst wenn er den Skandal im Amt überlebt hätte.

Als sich jedoch abzeichnete, dass (wie hier bereits vermutet) zu Guttenbergs verbleib im Amt der CDU mehr schaden würde als nutzen, war sein Rücktritt, trotz aller Versuche der BILD ihn als Merkel-Opponent für Koch im Spiel zu halten, unvermeidlich.

So steht es zwischen Merkel und Koch nun 2:0. Und Karl-Theodor zu Guttenberg hat immer noch nicht verstanden, für welches böse Spiel er hier benutzt worden ist.

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Dieser Bericht enthält Informationen, die sich einer Überprüfung entziehen und aus Quellen stammen, die wir aus Gründen der Vertraulichkeit nicht nennen können. Wir raten daher dazu, die hier dargestellten Abläufe sehr kritisch zu bewerten.

Demokratiedebatte – Die Grünen wollen reden

Am 13. März finde in Mainz der grüne Demokratiekongress statt.

Seit einem Jahr haben die Grünen im Zukunftsforum Demokratie, das Claudia Roth und Sven Giegold leiten, diskutiert und Gedanken zusammengetragen. Vorläufiges Ergebnis ist ein Diskussionspapier, das Ihr hier http://gruenlink.de/d4 zum Download findet.

Dazu bitten sie – auch Menschen außerhalb der Grünen – um Feedback, Anregungen und Kritik. Unter http://www.gruene.de/demokratiedebatte könnt Ihr das Papier online
kommentieren.

Auch Anmeldungen für den Demokratiekongress in Mainz am 13. März sind noch möglich:
http://www.gruene.de/einzelansicht/artikel/demokratiekongress-in-mainz.html
Dort gibt es auch weitere Infos zum Kongress.

Sowohl Papier als auch Kongress dürften auch für geistig offene Mitglieder anderer Parteien (insbesondere Spezialdemokraten und Piraten) interessant sein.

Bin selbst noch am lesen, meine Kommentare folgen in einem extra Artikel.

Siehe auch:
Was die Grünen von den Piraten lernen können
Was Piraten von den Grünen lernen können
Warum wir keine Arbeiterpartei haben, aber dringend eine brauchen

Bericht vom Weltsozialforum in Dakar

Sven Giegold, ehemals ATTAC, derzeit Mitglied der grünen Fraktion im Europa-Parlament, hat mir folgenden Bericht vom Weltsozialforum in Dakar geschickt.

Globaler open space mit Aktionsorientierung

Wie schon das Weltsozialforum 2009 im Brasilianischen Belém fand das Forum in Dakar unter dem starken Eindruck der tiefen Krise des neoliberalen Globalisierungsprojekts statt. In einigen Weltregionen läuft die Wirtschaft schon länger wieder gut, in anderen hat sie sich
an der Oberfläche erholt.

Das kann jedoch nicht über die tiefen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme hinwegtäuschen. Auf dem Forum trafen sich diejenigen aus den Bewegungen und Zivilgesellschaft, die einen tiefen Bruch mit der neoliberalen Globalisierung wünschen, entweder in Form einer sozialen und ökologischen Regulierungspolitik, wie etwa in einem „Grünen New Deal“, oder durch einen grundsätzlichen Bruch mit dem Kapitalismus. Diese Spannweite politischer Alternativen charakterisierte dieses WSF wie auch die altermondialistische(*) Bewegung seit ihrer Gründung. Gustave Massiah (2011a & 2011b)* schrieb dazu vor Dakar ein viel beachtetes Buch und veröffentlichte 12 Thesen zur altermondialistischen Bewegung.

Doch während in Belém die Diskussion um die Zivilisationskrise und grundlegende Alternativen zur Globalisierung des Kapitalismus wie die Idee des „buen vivir“ [guten Lebens] die Debatten beherrschten, war dies in Dakar anders. Die friedlichen Revolutionen in Ägypten und Tunesien sowie der besondere afrikanische Kontext mit seinen eigenen Themen dominierten auch das WSF.

Schon auf dem beeindruckenden Eröffnungsmarsch wurde deutlich, dass dies kein Forum der großen übergreifenden Forderungen und Parolen würde. Dem Organisationskomitee war es gelungen, in großer Breite die sozialen Bewegungen und Basisinitiativen Westafrikas zu mobilisieren. Dazu trugen auch die über Land reisenden Karawanen bei, die sternförmig aus allen Nachbarländern in den Senegal zogen und damit eine kostngünstige Anreise ermöglichten und gleichzeitig auf das WSF aufmerksam machten.

Sie kamen jedoch nicht roten, grünen oder anderweitig gleichartigen Fahnen, sondern mit ihren eigenen Anliegen: Landraub („land grabbing“) durch den immer schärferen Druck auf das knapper werdende landwirtschaftlich nutzbare Land für die Bedürfnisse der globalen Konsumentenklasse. Der Schutz lokalen Saatguts und lokaler Produktion vor Kontrolle der Multis und Agrarsubventionen wurden eingefordert. Überfischung („sea grabbing“) durch die industriellen Fischfangflotten auf Kosten der familiären Fischereibetriebe.

Besonders sichtbar waren überall auf dem Forum die starken Frauenbewegungen in Afrika, sowohl in Bezug auf Landrechte, die Fischerei und die Beteiligung von Frauen an Konfliktlösung in Afrika. Schließlich war die Festung Europa mit seinem menschenverachtenden „Grenzschutzregime“.

Immer wieder wurden die TeilnehmerInnen aus Europa gefragt, auch von Studierenden aus dem Senegal: Wie kann es sein, dass Ihr ohne Visum hierherkommen könnt und wir nicht einmal die Chance auf ein Visum haben? Immer wieder wurde die Forderung nach globaler Bewegungsfreiheit erhoben, als Teil globaler Bürgerrechte. Schon vor dem Forum verabschiedete ein eigenes Forum zu Migration eine „Charta der Migranten“ (http://fsm2011.org/fr/charte-mondiale-des-migrants).

Kurzum: die neuen und alten Formen des Kolonialismus‘ waren die bestimmenden Themen des Weltsozialforums. Anders als beim WSF in Nairobi 2007 blieb diesmal die Beschimpfung oder überhebliche westliche Kritik an Afrikanischen Basisbewegungen aus. Dazu trug auch bei, dass religiös motivierte Gruppen – ob christlich oder muslimisch – wenig sichtbar waren und damit die religiöse Intoleranz mancher Linker weniger provoziert wurde.

Erfreulich aktiv waren die katholischen und evangelischen Hilfewerke, die auch vielen ihrer Partnerorganisationen im Süden die Teilnahme am Weltsozialforum ermöglichten. Der Evangelische Entwicklungsdienst stellte auf dem Forum eine vielbeachtete Studie zu EU-Westafrikanischen Fischereikooperationen vor, die massiv das Recht auf Nahrung der Fischer und ihrer Familien an den Küsten verletzen.

Anders als bei den Foren in Lateinamerika und 2003 in Mumbai waren dagegen linke Parteien und Gewerkschaften vergleichsweise wenig sichtbar. Aus Deutschland war aus den Gewerkschaften nur die GEW dabei. Die großen NGOs waren zahlreich vertreten, dominierten jedoch nicht das Forum. Auch regional entsprach die Beteiligung der Verankerung der altermondialistischen Bewegung auf den verschiedenen Kontinenten. Während EuropäerInnen und LateinamerikanerInnen neben den zahlenmäßig dominierenden AfrikanerInnen sehr sichtbar waren, gab es aus Asien außerhalb von Indien nur wenig Beteiligung.

Auch die NGOs aus Nordamerika waren nicht so zahlreich vertreten, wie es ihrer Stärke eigentlich entspricht. Anders als in Lateinamerika gibt es keine Regierung auf dem afrikanischen Kontinent, die sich auf die altermondialistische Bewegung bezieht. Somit wurden die Revolutionen in Tunesien und Ägypten zum machtpolitischen Bezugspunkt des Forums. Gerade im Maghreb hatte ein Duzend Sozialforen stattgefunden und dazu beigetragen, den Boden für den Wandel vorzubereiten.

Allerdings wäre es eine Übertreibung, die beiden Absetzungen undemokratischer Regime als Erfolge der altermondialistischen Bewegungen zu sehen. In jedem Falle wollen etliche Organisationen aus dem Weltsozialforumsprozess am 20. März nach Tunesien reisen. Auch das europäische Attac-Netzwerk bereitet mit Attac Tunesien eine Delegation vor.

Bewährt hat sich wiederum die neue Methodik des WSF: Nach einem Tag von Veranstaltungen zu afrikanischen Themen gab es zwei Tage mit selbstorganisierten Veranstaltungen der teilnehmenden Organisationen.

Große, zentral organisierte Veranstaltungen gab es außer der Eröffnung und dem Abschluss nicht. Wie bei vorigen WSFs fanden vielfach zu den gleichen Themen verschiedene Veranstaltungen statt, weil sich die OrganisatorInnen schichtweg nicht kannten. Am Schluss des Forums folgten dann eineinhalb Tage, die Aktionsversammlungen vorbehalten waren. Zu jedem relevanten Thema fand hier jeweils eine Versammlung statt – insgesamt 38. Sie waren praktisch durchweg ein großer Erfolg.

Oft basierten die beschlossenen gemeinsamen Aktionen auf den Vorbereitungsarbeiten von globalen Netzwerken, die schon vor einigen Jahren auf vorigen WSF gegründet wurden. Diese Netzwerke – oft mit kleinen Sekretariaten, Mailinglisten, regelmäßigen Telefonkonferenzen – sind eines der größten Erfolge der Weltsozialforen und bei der Kommentierung am meisten übersehenen. Das Weltsozialforum ist ein globaler Open Space mit Aktionsorientierung.

Es gab keine systematische Dokumentation der Ergebnisse der 38 Aktionsversammlungen. Hier sind daher nur einige viel Ergebnisse von viel beachteten Versammlung erwähnt. Sie binden politisch nur die TeilnehmerInnen, nicht jedoch das Weltsozialforum als Ganzes. Bei einer
mit 300 TeilnehmerInnen sehr gut besuchten Versammlung zu „land grabbing“ wurde eine ganze Reihe von Aktivitäten vereinbart und dazu eine Erklärung zum Thema verabschiedet
( http://farmlandgrab.org/post/view/18159 ).

Dabei wurde klar, dass der Kampf um traditionelle Landnutzungsrechte und damit das Recht auf Nahrung jeweils vor Ort gewonnen werden muss. Zwar sind die Konsumwünsche der global gesehen Reichen und auch multinationale Konzerne bzw. mächtige Staaten ursächlich für das „Land grabbing“ im Süden, ein entscheidender Schlüssel liegt jedoch bei den lokalen Behörden und Nationalstaaten im Süden. Sie müssen die Rechte der Kleinbauern verteidigen, statt der Exportlandwirtschaft in oft korrupter Art und Weise zu dienen. Ganz Ähnliches wurde auch bei einer am Rande des Weltsozialforums durchgeführten großen Konferenz zu „land and sea grabbing“ unserer Grünen Fraktion im Europaparlament mit betroffenen Kleinbauern und Fischern deutlich.

Natürlich müssen wir gerade die Bedeutung des Themas auf dem Weltsozialforum nutzen, um Druck gegen illegitime Praktiken westlicher Konzerne und auch die Handelspolitik der EU zu machen, die zum Schaden kleiner Produzenten im Süden ist. Gleichzeitig müssen wir fairen Handel stärken und die Bewegungen im Süden unterstützen, die Druck auf ihre Regierungen machen.

In verschiedenen Versammlungen wurde auch die Mobilisierungsagenda der nächsten Monate deutlich. In Frankreich finden dieses Jahr der G8 und G20-Gipfel statt. Frankreichs Staatspräsident Sarkozy will sich der kritischen französischen Öffentlichkeit als Altermondialist präsentieren, der dann billig und folgenlos an „bösen anderen Staaten“ scheitert. Gleichzeitig bremst er in der EU bei der Regulierung der Finanzmärkte und der Einführung der Finanztransaktionssteuer. Es scheint klar, dass die französischen Bewegungen diese durchsichtige Strategie nicht durchgehen lassen werden. Die Aktionsversammlung zu G8/G20 beschloss eine entsprechende Erklärung (http://gruenlink.de/54).

In Frankreich hat sich ein Organisationskomitee gebildet, das auch europäisch vernetzt ist. Es sind daher starke Mobilisierungen zum 21./22. Mai nach Deauville und zum 31. Oktober-5.November nach Cannes zu erwarten. Am 26./27. März findet in Paris eine weitere
Vorbereitungsversammlung statt. Es scheint, dass es gelingt, die beim Thema Klimaschutz besonders starken politischen Spannungen zwischen NGOs und sozialen Bewegungen auszuhalten.

Darüber hinaus orientieren viele Bewegungen auf die kommende Weltklimakonferenz vom 28.11.-9.12.2011 im südafrikanischen Durban (COP-17) und stärker noch auf den Rio+20-Erdgipfel in Brasilien vom 14.-16. Mai 2011. In Rio ist ein „People’s summit“ als Parallelveranstaltung der Zivilgesellschaft geplant. Dass diese beiden für Klimaschutz und Biodiversität entscheidenden Konferenzen in stark wachsenden Schwellländern stattfinden, ist politisch spannend. Die beiden Regierungen sind aus sozialen Bewegungen hervorgegangen. Gleichzeitig haben sie sich gerade im ökologischen Bereich alles andere als mit Ruhm bekleckert. Wie ökologische und soziale Krise in einer gemeinsamen ökonomischen Strategie angegangen werden können, wird zum zentralen Thema werden. Aus diesem Kalender ergibt sich ein Reigen von großen Mobilisierungen für die altermondialistische Bewegung: Deauville, Cannes, Durban, Rio.

Leider litt das Forum sehr unter organisatorischen Problemen. Kurz vor Forumsbeginn hatte der Uni-Direktor gewechselt. Der neue fühlte sich an vorige Absprachen nicht mehr gebunden. Das Weltsozialforum und der reguläre Uni-Betrieb fanden daher parallel statt. Die Doppelbelegung der Räume war der Normalfall. Es dauerte, bis Zelte aufgestellt waren und oft klappte die Ankündigung der neuen Räume nicht richtig. Viele, lange vorbereitete Veranstaltungen daher fielen aus. Das betraf vor allem die kleineren.

Diese Probleme können jedoch den Wert und Erfolg des Forums nicht zerstören. Beim auf das Forum folgenden Treffen des Internationalen Rates des Weltsozialforums wurde das Forum so auch als Erfolg gewertet.

Vor allem die erfolgreichen globalen Netzwerke und ihre Aktivitäten zeigen die Notwendigkeit und Nützlichkeit des WSF. Von einer angeblichen Erschöpfung der Foren oder einer perspektivlosen Wiederholung der Inhalte kann jedenfalls keine Rede sein. Die
Weltsozialforen entwickeln sich regional und thematisch weiter. Was es jedoch nach wie vor nicht gibt und wohl auch bis auf weiteres nicht geben wird, ist eine übergreifende gemeinsame Theorie der sozialen Bewegungen und unabhängigen Zivilgesellschaft. Viel an der Rede von der Erschöpfung gründet vielmehr in einer falschen Sehnsucht nach
Einheitlichkeit und einem großen vereinigenden „Ismus“. Dass es diese ideologische Engführung nicht gibt, ist jedoch nicht einfach Schwäche, sondern gleichzeitig demokratische Stärke der altermondialistischen Bewegung.

Kritik gab es im Rat allerdings zurecht an der Tatsache, dass ein Staatspräsident – Evo Morales aus Bolivien – das weltweite Forum der Zivilgesellschaft eröffnete, ohne dass dies im Rat abgesprochen war.

Schließlich gab es gerade aus Indien und Brasilien kritische Anfragen an den europäischen Sozialforumsprozess. Es könne nicht sein, dass er in Europa so schwach verankert ist.

Tatsächlich steckt der Prozess des Europäischen Sozialforums seit Jahren in der Krise. Denn anderes als beim Weltsozialforum ist es nicht gelungen, die großen NGOs, Gewerkschaften mit den radikaleren sozialen Bewegungen zu vernetzen. Vielmehr haben sich fast alle Großorganisationen zurückgezogen und der Prozess ist in der Hand einer kleinen, schlecht legitimierten Vorbereitungsgruppe. Dass diese Schwäche nun aus dem Süden kritisiert wird, ist ein gutes Zeichen.

* Ich benutze hier „altermondialistisch“ (franz. altermondialist), der die Bewegung für eine andere Globalisierung im französischsprachigen Raum viel besser beschreibt, als das deutsche
„globalisierungskritisch“.

* Gustave Massiah (2011a): Une stratégie altermondialiste, Paris: La Découverte.
Gustave Massiah (2011b): Les douze hypotheses d’une stratégie altermondialiste, http://www.cetri.be/spip.php?article2060&lang=fr

Meine 150 Fotos vom Weltsozialforum finden sich hier:
http://gruenlink.de/6l